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CE im Historischen Fechten? Die Entwicklung des St. George Fechtanzuges

CE im Historischen Fechten? Die Entwicklung des St. George Fechtanzuges

Warum CE? Die Entwicklung des St. George Fechtanzuges

Wie es begann
Als ich vor wenigen Wochen die glückbringende Information erhielt, dass der St. George Fechtanzug die Konformitätserklärung erhalten habe, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Endlich war es geschafft! Doch was war eigentlich geschafft und warum hatte ich diesen Weg überhaupt begonnen?

Schwertkampf und Historisches Fechten betreibe ich nun schon seit meinem 13. Lebensjahr, also seit fast 21 Jahren. Als ich 2007 begann zu unterrichten, wusste ich noch nicht, dass ich nach mehr als 13 Jahren als Offizier den Beruf des Fechtlehrers einschlagen werde. Bereits 2014 begannen die Vorbereitungen, aus dem Verein IN MOTU eine Fechtschule zu machen. Natürlich waren dabei auch alle rechtlichen Bedingungen zu klären und zu planen. Doch was sich alles aus rechtlicher Hinsicht zur Schutzausrüstung zusätzlich noch nach der Schulgründung ergeben würde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar.

Ich habe meinen Lehrplan auch an die Ausrüstungsplanung angepasst. Das heißt, mit der fechterischen Weiterentwicklung wächst nach und nach auch die Ausrüstung. Dafür musste natürlich auch festgelegt werden, welche Ausrüstung ich meinen Schülern empfehle. Nachdem das neue mehrjährige Curriculum an einem Punkt angekommen war, da sich die ersten nach und nach Schutzausrüstung für Gefechte zulegen mussten, intensivierte ich diese Planungen und hatte glücklicherweise viel fachmännische Unterstützung. Es ist mir als Trainer natürlich eine Verpflichtung, Material und Ausrüstung zu empfehlen, die meinen Schülern weder gesundheitliche noch rechtliche Nachteile bringt. Immer mehr zeigte sich dann schließlich, dass der Bereich Schutzausrüstung aus vielerlei Hinsicht sehr brisant war und ist. Zum einen, weil natürlich Unfälle im Fechten geschehen können und man seine Richtlinien und Verhaltensregeln entsprechend anpasst. Doch Unfälle können immer passieren auch mit guten internen Regelungen zum Verhalten. Und wenn Unfälle passieren, dann hat man eine Versicherung.

Was mir erst in dieser Zeit bewusst wurde, war, dass die Versicherung natürlich fragen kann, welche Ausrüstung während des Unfalls getragen wurde. Wenn diese nicht geltenden Regelungen entspricht, kann es dazu führen, dass eine Versicherung nicht zahlt. Aber als Trainer, Schulleiter, Turnierausrichter und jemand, der seinen Schülern auch den Kauf von Ausrüstung vor Ort in der eigenen Schule in Aussicht stellen wollte, bedeutete das, dass ich mich in das Thema tiefer einarbeiten musste. Damit begann ich 2018, als der Übergang zum hauptberuflichen Fechtlehrer immer näher rückte.  Da kam das Thema „Persönliche Schutzausrüstung“ und „CE“ auf den Plan. In der Europäischen Union wird glücklicherweise der Endverbraucher von Waren sehr gut geschützt. Nicht nur bei Elektrogeräten oder Glasscheiben gibt es CE als Zeichen für geprüfte Sicherheit. Auch persönliche Schutzausrüstung muss geltenden Regelungen entsprechen (über diese Regelungen werde ich einen eigenen Blogbeitrag gestalten). Schutzausrüstung im Sport fällt auch unter diese Regelung, wie ihr auch an den auf dem Markt befindlichen Ausrüstungsteilen in anderen Sportarten wie Rugby, Football, Eishockey, Karate etc. sehen könnt.

Ich suchte also ab 2018 zunehmend nach Ausrüstung, die diesen Regelungen entsprach und meine Schüler als Verbraucher in jeglicher Hinsicht schützen würde. Dabei musste ich enttäuscht feststellen, dass es diese einfach nicht gab. Ich konnte meinen Schülern keine HEMA-Ausrüstung empfehlen, da diese nie nach den geltenden Regelungen geprüft, zertifiziert und gekennzeichnet war. Lediglich die bereits im Olympischen Fechten genutzten Ausrüstungsteile entsprachen den Anforderungen. Diese waren aber bis auf die Fechtmaske und die entsprechende Schutzhaube aber nur für wenige Bereiche des Historischen Fechtens geeignet.

Selbst auf Nachfrage bei einigen HEMA-Herstellern tat sich leider nichts. Die Schüler, die nachfragten, wie es um die Sicherheit und Zertifizierung ihrer Jacken stünde, die sie bereits erworben hatten, wurden mehrfach vertröstet und haben heute noch keine Antwort. Ich musste also einen Weg finden, meinen Schülern Ausrüstung zur Verfügung zu stellen, die den geltenden Regelungen entsprach und ihnen somit ein sicheres Fechten ermöglichte und auch mir als Trainer keine rechtlichen Probleme und Gewissensbisse einbrachte.

Der Entschluss
So entschloss ich mich schließlich 2018, vorerst im Bereich der Fechtanzüge auf die Hersteller im Olympischen Fechten zuzugehen. Erste Jackenprototypen fertigte 2019 die Firma Leon Paul in England für mich. Einige Fechter konnten diese Prototypen 2019 auf dem Treffen Historischer Fechter Mitteldeutschlands in Borchen austesten. Mit dem Brexit habe ich diesen Weg aber verlassen und freute mich umso mehr, mit Uhlmann einen deutschen Hersteller gewinnen zu können, der zu den größten weltweit zählt und eine langjährige Erfahrung im Herstellen von bester Fechtausrüstung hat.


Erste LP Prototypen in Aktion

Ich hatte bereits lange auch die Probleme mit bekannten Jacken und Hosen, die mir selbst aus meiner langjährigen Erfahrung bekannt waren, gesammelt und die Ideen anderer Fechtkollegen einfließen lassen. Ich beschäftigte mich in dieser Zeit mit vielen Materialien, um hohe Beweglichkeit, geringes Gewicht und ausreichende Schutzwirkung auf einem optimalen Level zu vereinen.

Mit einer genauen Vorstellung ließ ich von einer Schneiderin aus Nordhausen einen ersten eigenen Prototypen mit den gewünschten Materialien fertigen und war auf das Ergebnis gespannt. Dieses Ergebnis war für mich damals grandios! 
Als der Prototyp fertig war, fuhr ich sofort mit meiner Ausrüstung in meine Fechthalle und probierte ihn an. Er war leicht, hochbeweglich und konnte Hiebe und Stiche nach meinen Vorstellungen abdämpfen.  Er hatte nichts mehr mit den vorigen Prototypen gemein, welche man noch in Borchen hatte testen können. Hier findet ihr ein Video von besagtem Prototypen.


Damit war die Konzeption der kommenden Fechtjacke und -hose klar. Diesen Prototypen stellte ich meinem neuen Kooperationspartner Uhlmann vor, der von meinem Vorhaben ebenfalls überzeugt war. Daher schauten wir, wie wir meine Jackenidee natürlich mit der dazugehörigen Hose umsetzen könnten. Wir fertigten drei weitere Prototypen und verbesserten diese über das ganze Jahr 2020. Hier seht ihr ein Video vom ersten schwarzen Prototypen mit dazugehöriger Fechthose.

 

Durch Corona ließen wir uns nicht entmutigen. Nach den geltenden Regelungen ließ ich die Prototypen von verschiedenen Fechtkameraden aus ganz Deutschland testen und bewerten. Einer davon war mein Fechtkamerad Michael Sprenger aus Dresden, dessen Review ihr hier lesen könnt. Wir verbesserten weiter, was möglich war. Schließlich war ein Fechtanzug entstanden, mit dem wir rundum zufrieden waren. Dies zeigte sich auch, als ich im Herbst 2020 auf der Tremonia Fechtschule die Jackenprototypen und die dazugehörige neue Lederweste präsentieren und austesten lassen konnte.

Die Fechter waren sehr begeistert, wie ihr auch an einigen Beiträgen hier im Blog sehen könnt. (Review von Christian Lee-Becker, Review von Lukas Maestle-Goer)

Damenmodell
Im Frühjahr 2020 wurde ich von Fechterinnen gefragt, ob ich auch ein Damenmodell entwerfen würde. Natürlich hatten Uhlmann und ich auch an die Damen gedacht, denn auch das stand auf meiner Liste von Verbesserungen. Mehrfach wurde mir in Gesprächen der vergangen Jahre mitgeteilt, dass die aktuellen Fechtjacken den Damen oft Probleme bereiten würden. Daher nutzten wir Uhlmanns Erfahrung aus den olympischen Schnitten für Damenjacken und testeten mit einer Schülerin an meiner Schule eine Damenmodell. Wir waren auch damit sehr zufrieden.


Rabatt ist nicht aktuell

(Rabatt im Bild ist nicht mehr aktuell)

Der Name St. George
Während der gesamten Entwicklung bin ich mehrfach nach Laupheim zu Uhlmann gefahren, um einen reibungslosen Ablauf und eine gute Kommunikation zu fördern. Auf meinen langen Fahrten telefoniere ich gern mit Freunden. Auf dieser Fahrt telefonierte ich wieder mit meinem Schüler und Freund Patrick und wir überlegten, welche Namen die Fechtausrüstung erhalten könnte – was würde einen großen Bezug zum Fechten haben? Eines war für das Fechten seit dem Mittelalter typisch: der Bezug zu „Schutzheiligen“. Der typische Heilige für die Fechter und Ritter war der Heilige Georg. Also nahmen wir den Heiligen Georg als Patron der Fechter und Ritter, wie in den alten Fechthandschriften oft erwähnt. Meinen Fechtkameraden Dierk Hagedorn konnte ich schließlich dafür gewinnen, uns sein Motiv des Heiligen Georg zur Verfügung zu stellen. So wurde es sein Motiv, das wir für die Fechtjacke und ihren Namen zur Wiedererkennung nutzen. 

St. George Logo (nicht Bestandteil der Standardjacken)

Zertifizierung
Bereits im Sommer 2020 begann der langwierige Zertifizierungsprozess. Nachdem wir die finale Form gefunden hatten, starteten wir diesen umgehend in einem deutschen Institut. Denn aus der Erfahrung der Firma Uhlmann war klar, dass ein solcher Prozess viel Zeit in Anspruch nimmt.

Doch was bedeutet eigentlich Zertifizierung? Persönliche Schutzausrüstung muss in der EU gemäß der geltenden Regelung [1] geprüft werden. Dazu gibt es drei Kategorien von Schutzausrüstung, die beschrieben werden. Kategorie I nennt Bereiche, die mit geringem Verletzungsrisiko verbunden sind. Diese Ausrüstung kann vom Hersteller selbst geprüft und gekennzeichnet werden. Kategorie III nennt Bereiche mit einem sehr hohen Risiko für den Träger. Hier ist der Aufwand sehr groß und bedarf vieler langwieriger Prozesse, wie ihr in der Grafik hier sehen könnt.

 

Alle Verwendungsbereiche von Schutzausrüstung, die nicht in dem Dokument explizit genannt werden, werden automatisch in die Kategorie II gezählt. Dazu gehört eben auch das Fechten bzw. das Historische Fechten. In dieser Kategorie II muss die Schutzausrüstung von einem Institut entsprechend den Vorgaben der EU-Regelung und entsprechend den Schutzanforderungen, die vom Hersteller angezielt werden, getestet werden. Hier wird also nicht einfach der Stoff auf seine Stichsicherheit getestet, sondern es gibt eine lange Liste von Anforderungen, die überprüft und erreicht werden müssen. Hie nur einige Beispiele:

  • Zertifizierung und überwachte Produktprüfung von Schutzkleidung: EU-Baumusterprüfung von PSA (CE-Kennzeichnung) und überwachte Produktprüfung gemäß Verordnung (EU) 2016/425, Anhang
  • Produkt- und Gebrauchstauglichkeitsprüfungen
  • Akzeptanzanalysen und Qualitätsüberwachung
  • Haltbarkeit der Produkte (z. B. wie viele Wäschen die Jacken durchhalten)
  • Prüfung der Konfektionsgrößen
  • Prüfung von Vorprodukten für persönliche Schutzausrüstung
  • Prüfung der Konstruktions- und Funktionsparameter textiler Flächengebilde
  • Überprüfung und Beurteilung der Ausführung auf die Erfüllung der Schutzfunktion (das heißt, ob das Produkt die angegebene Schutzwirkung auch wirklich erreicht)

    Es war also klar, dass wir nicht allein auf Grundlage der bestehenden Normen aus dem olympischen Fechten testen lassen konnten, dass diese aber als Vergleich für die Testverfahren genutzt werden würde. Daher war auch klar, dass unser Fechtanzug zum einen in die Kategorie II der PSA gehört, also den langen oben beschriebenen Testablauf in einem Institut durchlaufen muss, und in der Fechtnorm das Level II erreichen sollte.

    Die Prüfstelle, die selbst nach den Vorgaben der EU zertifiziert ist und damit in jeglicher Hinsicht das Fachpersonal für die Bewertung der Produkte besitzt, hat also unsere Fechtanzüge nach diesen und vielen weiteren Vorgaben geprüft und zertifiziert. Dazu mussten wir sehr viele Anzüge als Baumuster (etwa 30 Jacken und Hosen) in den verschiedenen Farben, Herrengrößen, Damengrößen sowie Kindergrößen zur sogenannten Baumusterprüfung schicken, die natürlich danach nicht mehr verwendet werden können. Dieses ganze Verfahren nennt sich übrigens korrekt Konformitätsbewertung. Der Aufwand und die Kosten einer solchen Zertifizierung sind immens. Ohne meinen Kooperationspartner Uhlmann wäre das nicht zu stemmen gewesen.


    Ganz nebenbei: jede Firma und jeder Händler, der bzw. die persönliche Schutzausrüstung in der EU verkauft, vertreibt oder einführt, die nicht nach den in der EU für persönliche Schutzausrüstung beschriebenen Vorgaben getestet, zertifiziert und gekennzeichnet ist, macht sich strafbar. Es reicht nicht aus, einfach nur geprüften Stoff zu verwenden. Das Endprodukt muss nach den oben beschriebenen Regelungen für konform erklärt werden! Für Fechtjacken im Level 2 bedeutet das immer eine Baumusterprüfung und Konformitätsbewertung mit Zertifikat durch ein anderes Institut.
    Als Endkunde macht ihr euch dabei in keiner Weise strafbar. Aber ihr habt evtl. das Problem, dass ihr nicht wisst, was eure Ausrüstung tatsächlich kann. Und wenn sie nicht das kann, was sie soll und euch bei einem Unfall nicht richtig schützt, dann habt ihr vielleicht das oben beschriebene Problem, dass eure Versicherung nicht zahlt. Ich wollte das für meine Schüler und meine Veranstaltungen natürlich nicht. Ich wollte mich auch selbst nicht auf einen so rechtlich fragwürdigen Weg begeben.

    Geschafft!
    Nach mehr als sieben Monaten mit Tests haben wir es dann endlich geschafft! Ende Januar 2021 hat uns das Institut das entsprechende Zertifikat zugesandt. Unsere Fechtjacke entspricht also vermutlich als erste den rechtlichen Vorgaben der EU. Damit habe ich ein Ziel erreicht und ein Projekt zum Ziel geführt, das ich vor mehr als zwei Jahren begonnen habe.

    Ich denke das Video zeigt, dass sich das Endprodukt auch sehen lassen kann! ;-) 


     

    Ihr könnt sehen, wie lange eine rechtskonforme Entwicklung hochwertiger Schutzausrüstung dauert. Aber am Ende solltet ihr dabei eines nicht vergessen: all diese Regelungen und umständlichen, langwierigen Prozeduren haben nur eines zum Ziel:

    Den Verbraucher zu schützen – also euch als Fechter.

    Das ist es mir wert!


     

    Mehr zum St. George Fechtanzug findet ihr hier.

     

    [1] Verordnung (EU) 2016/425 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016 über persönliche Schutzausrüstungen und zur Aufhebung der Richtlinie 89/686/EWG

     

     

     

       

     

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